St. Mammas Finningen

Gesamtplan der Kirche mit Burgus. Die einzelnen Umbauphasen sind durch unterschiedliche Rasterung gekennzeichnet.(aus: Richard Ambs, Die katholische Pfarrkirche St. Mammas von Finningen, in : Landkreis Neu-Ulm (hg.) Geschichte des Landkreises Neu-Ulm, 4/1998)

 

Zeittafel zur Geschichte von Finningen und zur Baugeschichte der Kirche St. Mammas

  • Besiedlung der Gegend um Finningen bereits in der
    Jungsteinzeit (2500 – 2000 v.Chr.), der
    Spätbronzezeit (bis 1600 v.Chr.) und der
    Hallstattzeit (ab 800 v.Chr.),
    belegt durch kleine archäologische Funde.
  • um 370, Römischer Burgus (Wachtturm) an der Heeresstraße zwischen Kastell Unterkirchberg und Kastell Günzburg.
  • ca. 500, Einfall und Besiedelung durch die Alamannen. Vermutlich daher der Name Finn-ingen = bei der Sippe, den Leuten des Finno.
  • ab ca. 800, Gebiete östlich von Ulm im Besitz des Klosters Reichenau.
  • Mitte 9. Jh., Vermutlich Bau einer ersten Steinkirche (1. Bauphase) schräg über dem Fundament des Burgus. Patrozinium des Hl. Mammas. Besitz in der Gegend kommt u.a. an die Grafen von Dillingen vielleicht als reichenauisches Lehen.
  • Mitte 12. Jh., Romanisierung der Kirche.
  • Umbau nach einem Brand (vermutl. 1134):
    Verlängerung des Chores zum Rechteck, Bau des Chorbogens und des quadratischen, mächtigen Turmes (2. Bauphase).
  • 1246, Wahrscheinlich Brand des Dorfes während eines Feldzugs von Gegenkaiser Heinrich Raspe gegen Kaiser Friedrich II.
  • 1286 – 1319, Teile von Finningen im Besitz der Grafen von Kirchberg als Nachkommen der weiblichen Linie der Dillinger Grafen.
  • seit 1304, dem Bistum Augsburg zu Lehen aufgetragen.
  • 1318, Vermutlich erste urkundliche Erwähnung von Finningen: Verkauf des Maierhofes bei der Kirche, eines weiteren Hofes und dreier Lehen von Ritter Burkhart zu Ellerbach an die Ulmer Patrizier Krafft und von Halle.
  • 1338, Erwerb der Kirchberger Lehen durch Konrad von Weißenhorn, Ammann zu Ulm, später weitergegeben an den Ulmer Patrizier Peter Strölin.
  • 1346, Konrad von Herbishofen erhält den Kirchensatz Finningen von Graf Wilhelm von Kirchberg.
  • 1377, Erwerb der Kirchberger Lehen durch die Mailänder Linie des Ulmer Patriziergeschlechts Ehinger.
  • 1439, Hans von Herbishofen schenkt den Kirchensatz als Teil einer Stiftung seiner Ehefrau Anna Besserer der Kartause Buxheim, die dem Bistum Augsburg untersteht.
  • 1440, Inkorporation der Pfarrei in die Kartause Buxheim durch den Bischof von Augsburg.
    Der Hauptteil des Ortes bleibt in Patrizierbesitz (Familien Krafft und von Halle, Karg und Roth zu Ulm).
  • Mitte 15. Jh. Gotisierung der Kirche (3. Bauphase):
    Neubau eines Chorpolygons, Einwölbung des Chores und Veränderung der Fenster zur Spitzbogenform.
  • 1548, Die Kartause Buxheim wird zur Reichskartause erhoben, untersteht damit direkt dem Kaiser und ist deswegen österreichisches Lehen. Aus diesem Grund bleibt Finningen auch nach der Reformation katholisch.
  • 1582, Die Söhne des Leo von Roth verkaufen ihren ganzen Finninger Besitz an die Kartause Buxheim.
  • 1632 – 35, Finningen geht in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges vorübergehend durch Schenkung des Schwedenkönigs Gustav Adolf an den Ulmer Bürgermeister Hans Schad.
  • 1701, Beginn der Barockisierung:
    Aufbau des 8-eckigen Zwiebelturms durch den Maurermeister Georg Riemer aus Ichenhausen.
  • 1713, Bau des Hochaltars durch einen Schreinermeister Hans Georg (ohne Familiennamen) aus Tannheim bei Buxheim.
  • 1714 – 16, Altarbilder „St. Mammas“ und „Mariä Krönung“ durch Elias Zobel. Figuren Hl. Ulrich und Afra durch Ignaz Waibl.
  • um 1725, Seitenaltäre und Fresken:
    Bilder der Seitenaltäre wahrscheinlich, Fresken St. Georg und St. Nepomuk ganz sicher aus der Werkstatt von Johann Jakob Kuen aus Weißenhorn.
  • ab 1728, ist der Pfarrhof nachzuweisen. Genaues Baujahr nicht bekannt.
  • zw. 1728 und 1765, vermutlich Bau des Pfarrstadels.
  • 1781, Rokoko und Frühklassizismus:
    Vergrößerung der Kirche durch Verlängerung des Kirchenschiffs (4. Bauphase) sowie Ergänzung des Inventars (Kanzel, Kreuzwegstationen, Taufstein, Rocaillegruppe).
  • 1782, Ende der Buxheimer Herrschaft. Finningen kommt durch Kaiser Josef II. zum österreichischen Kreisdistrikt Burgau.
  • 1803, Die Kartause Buxheim und ihre Besitzungen erhält im Reichdeputationshauptschluss der Graf von Ostein.
  • 1805, wird der Distrikt und mit ihm Finningen nach dem Sieg Napoleons über die Österreicher bayrisch.
  • 1914, Umfangreiche Restaurierung, bei der viel Stuck entfernt und die Chorbogeninschrift in der Apsis freigelegt wird.
  • 1921, Deckengemälde Mariä Himmelfahrt durch Oswald Völkel.
  • 1957 /1958, bauliche Instandsetzung und Einbau der Orgel (Gebr. Sandtner).
  • 1966 / 1967, Renovierung mit Wiedereinsetzung des Altarbildes von Elias Zobel.
  • 1975, Gebietsreform und Eingemeindung nach Neu-Ulm.
  • 1995 – 99, Komplette Außen- und Innenrenovierung sowie Modernisierung (Altar, Ambo, Bänke und Heizung) der Kirche, Reinigung und Restaurierung der barocken Ausstattung und der Orgel.

 

 

Vier Glocken hängen seit Oktober 2016 im Kirchturm von Finningen:

Die Trinitatisglocke, die der Hl. Dreifaltigkeit geweiht ist, mit der Darstellung von Gott Vater, Sohn und Hl. Geist sowie dem Text „Im Namen des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Auf der Rückseite steht zudem ein Text aus dem Weihegebet. Die Glocke wurde gespendet von der Hoteliers-Großfamilie Britsch. Sie wiegt 705 kg und ist in fis‘ gestimmt. Durchmesser: 1,08 m

Die zweite Glocke ist die Marienglocke mit der Abbildung der Verkündigung aus dem Weckmann-Altar in Reutti. Sie trägt den Anfang des „Gegrüßet seist du, Maria“ als Spruchband und wurde gestiftet von den Katholiken aus Reutti, d.h. von den Mitgliedern des inzwischen aufgelösten Kirchbauvereins Reutti. Sie wiegt 495 kg und ist auf gis‘ gestimmt. Sie hängt im Kirchturm ganz oben im neuen Joch. Durchmesser: 0,96 m

Die dritte Glocke ist unsere „ökumenische Glocke“ mit den Bildnissen der Kirchenpatrone von Finningen und Reutti, St. Mammas und St. Margaretha.
Da diese beiden HeiligenTier–(Mammas) und Naturpatrone (Margaretha) sind, steht im Spruchband der Text: „St. Mammas und St. Margaretha, beschützt die Menschen, Tiere, Felder und Fluren unserer Gemeinden“. Der Stiftervermerk auf dieser Glocke lautet: „Gestiftet von den katholischen und evangelischen Christen aus Finningen und den evangelischen Christen aus Reutti“. Sie wiegt 310 kg und ist in h‘ gestimmt. Durchmesser: 0,82 m

Die vierte Glocke, die Friedensglocke, trägt ein Bild des Malers Pablo Picasso mit Friedentaube und Friedensengel. Ihr Spruchband lautet: „Dank, Preis und Ehre sei Gott und Friede den Menschen“.
Die Stifter sind die Familien Hopp, Knaier und Nüßle. Die Glocke wiegt 163 kg und ist in dis‘‘ gestimmt. Durchmesser: 0,67 m

 

Der Kirchenheilige St. Mammas

Unser Kirchenpatron ist im westeuropäischen Raum kaum bekannt. In Deutschland ist unsere Finninger Kirche das einzige, diesem Heiligen gewidmete Gotteshaus. Bis zum 13. Jahrhundert war auch die Kirche in Thalfingen eine St.-Mammas-Kirche. Heute ist sie Laurentius geweiht. In Zypern begegnet man St. Mammas häufig. Allerdings kommt er tatsächlich aus Kappadokien in der heutigen Türkei. Das Zentrum für seine Verbreitung war Mamasun, eine Stadt, die nach ihm benannt ist. Jahrhunderte lang wurde dort sein Grab verehrt, bis die griechisch-orthodoxe Bevölkerung 1924 um- und Türken dort angesiedelt wurden. Die Verehrung des Heiligen in Zypern scheint sich aber davon unabhängig entwickelt zu haben. 66 Kirchen sollen ihm auf der Insel geweiht sein. Eine große Kirche und sogar einen eigenen, nach ihm benannten Stadtteil gab es in Istanbul (Byzanz). Von da nahmen angeblich Kreuzritter die Kopfreliquie des Heiligen mit und brachten sie 1209 nach Langres (Frankreich), wo es ebenfalls eine Mammaskirche gibt.

Nach Finningen scheint St. Mammas von der Klosterinsel Reichenau durch Abt Walahfrid (808 / 809 – 849), der sich selbst den Beinamen Strabo (= der Schielende) gab, gekommen zu sein. Wie bekannt, wurde unser Gebiet durch die dortigen Mönche christianisiert und Abt Walahfrid hat im 9. Jahrhundert die früheste noch erhaltene Mammaslegende verfasst. Erwähnt wird Mammas allerdings auch schon bei den Kirchenvätern Gregor von Nazianz und Basilios dem Großen. Vermutlich schrieb Abt Walahfrid seine Vita im Auftrag von zwei Geistlichen aus Langres nach einem Gerichtsprotokoll, das ihm zur Verfügung stand. Reichenau soll auch als Zwischenstation bei der Reise der Braut Kaiser Ottos II. nach Rom zur Hochzeit 972 eine Rolle gespielt haben. Diese Prinzessin Theophanu, eine Nichte des byzantinischen Kaisers, könnte gut hundert Jahre nach Abt Walahfrid die Mammasverehrung am Bodensee intensiviert haben. Es würde auch in etwa zu der Datierung der Steinkirche auf dem römischen Burgus passen und erklären, warum in Finningen das Patrozinium am 2. September, dem orthodoxen Festtag für Mammas, und nicht wie im übrigen Westeuropa am 17. August begangen wird. Das zweitägige Kirchbergfest in Finningen ist am 1. Wochenende im September.

Vermutete Lebensgeschichte und Legenden

Es gibt von St. Mammas viele verschiedene Legenden, lokale Erzählungen und Darstellungen, die aber alle damit zusammenhängen, dass er als Patron der Viehhalter, Schafzüchter, Hirten und Steuerzahler, böse Zungen behaupten, der Steuerhinterzieher, gilt. Der griechische Name „Mammas“ oder „Mammes“ bedeutet: „Der nach der Mutterbrust verlangt“. Er ist der christliche Orpheus, der die Tiere besänftigt.

Die Eltern des Mammas, Theodotus und Rufina, sollen römische Bürger aus Gangra in Paphlagonia gewesen sein. Als Christen wurden sie während der Zeit Kaiser Aurelians (270 – 75) gefangen genommen und nach Cäsarea in Kappadokien in der heutigen Türkei gebracht, die Mutter hochschwanger. Mammas wurde im Gefängnis geboren und nach der Hinrichtung seiner Eltern von einer reichen Frau, Ammia, erzogen. Als er 15 war, starb sie. Mammas bekannte sich wie seine Eltern zum Christentum, wurde nach Cäsarea vor den Gouverneur zitiert und gefoltert. Er soll wilden Tieren und Feuer widerstanden haben und konnte entkommen, als man ihn ertränken wollte. Er flüchtete in die Berge und lebte dort als Einsiedler in einer Höhle. Eine andere Legende lässt den Heiligen in Morphou auf Zypern in einem Marmorsarg stranden, vielleicht um zu erklären, wie seine Verehrung von der Türkei nach Zypern gelangen konnte. Ob Mammas aber wirklich in jungen Jahren als Märtyrer gestorben ist oder als glücklich lebender Einsiedler sehr alt wurde, darüber gibt es geteilte Meinungen.

Auf bildlichen Darstellungen ist Mammas meist als junger Mann in Begleitung eines Löwen zu sehen, auch auf unserem Altarbild von Elias Zobel. Just in dem Moment nämlich, so sagt die Legende, als der Statthalter den Einsiedler verhaften wollte, weil er sich beharrlich weigerte, die byzantinische Einkommenssteuer zu bezahlen, sprang ein Löwe aus dem Busch und fiel ein Lamm an. Der junge Mammas erhob Einhalt gebietend die Hand, schulterte das Lämmchen, bestieg den Löwen und ritt mit ihm davon. Erschreckt und erstaunt erließ der Steuereintreiber dem Heiligen auf Lebenszeit alle Abgaben an den Fiskus.

St. Mammas ist im Sommer von 8 bis 
18 Uhr geöffnet.

Von November bis März ist die Kirche von 8.30 bis etwa 17 Uhr geöffnet.